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Nichts ist erlaubt

Nachts auf dem Supermarktparkplatz: NEO-Redakteurin Christina Rinkens hat zwei ­Containerer bei ihrer Tour durch die prall ­gefüllten Mülltonnen Aachens begleitet. Ein Erlebnis in der Grauzone.


VON CHRISTINA RINKENS

Chris öffnet die Tür zu seiner Wohnung. Es ist kurz nach 22 Uhr. Im Gemeinschaftsraum seiner WG ein großes, altes Ecksofa. An der Wand Bilder gegen Atomkraft neben Postern gegen Rechts. Auf dem großen Tisch liegen Bücher des marxistischen Theoretikers Leo Trotzki und »Solidarität«, die sozialistische Zeitung der Sozialistischen Alternative.

Chris kommt gerade von einer Veranstaltung im Welthaus an der Schanz zum Kampf gegen Rechts. Danach war er noch kurz einkaufen: ­Müsli, Pringels, Sojamilch und vegane Margarine. Geld zum einkaufen hat er also. Wieso geht er denn Containern? Chris erzählt, dass er mit dem Containern angefangen hat, kurz nachdem er mit 18 bei seinen Eltern ausgezogen ist. Die linken, politischen Zusammenhänge hätten ihn gereizt, sagt er: »Durch den Kapitalismus entsteht ein immenser Überfluss an Lebensmitteln.«

Auf der Facebook-Seite »Aachen containert« dokumentiert der heute 29-Jährige die Bewegung in Aachen und die Ausbeuten von Container-Streifzügen durch Aachens Supermarktmülltonnen. 1.036 Personen gefällt das. Mit der Petition »Containern ist kein Verbrechen!« richtet sich das gleichnamige Bündnis um Chris an die Staatsanwaltschaft Aachen. Die Forderungen: Das sofortige Einstellen eines Verfahrens gegen Aachener Containerer, die Entkriminalisierung des Containerns und ein Verbot, genießbare Lebensmittel in Landwirtschaft, Handel und ­Industrie zu vernichten. 96.108 Personen unterstützen das auf Change.org.

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In Aachen ist das Thema gerade omnipräsent. In den regionalen und überregionalen Medien. Letzten Donnerstag war die WDR-Lokalzeit bei einer Tour dabei. Ein Bericht in der Bravo wird ­folgen. In der Süddeutschen Zeitung stand schon einer. Ob ihm die Öffentlichkeit, besonders um seine Person keine Sorgen bereite? »Es wäre ein Eigentor der Verantwortlichen, wenn was gegen mich käme.« Gestern habe ihn seine Nachbarin auf das Containern angesprochen, heute eine Ärztin beim Plasmaspenden. Alle seien sehr angetan. »Außerdem habe ich schon öffentlich zu Schlimmerem aufgerufen. Zum Blockieren von Nazi-Aufmärschen, zum Beispiel.«

Es klingelt an der Tür. Emmanuel (27), Lehramtsstudent aus Aachen, kommt heute mit auf die Tour. Über die Facebook-Seite lädt Chris ­immer wieder Interessierte ein, sich ihm anzuschließen. Auch Emmanuel geht es darum, dass noch gutes Essen nicht weggeworfen werden sollte. Der Film »Taste the Waste« habe ihn aufgerüttelt. Außerdem reize ihn der Nervenkitzel. Von der Tour mit Chris erhofft er sich, Orte kennenzulernen, an denen sich das Containern wirklich lohnt. Er sei mal alleine auf Tour gegangen, »das hat es aber nicht wirklich gebracht.«

Chris erzählt, dass er mindestens alle zwei Wochen, manchmal auch zweimal die Woche containert. Alleine eigentlich nur noch spontan. Das hänge auch stark von seinen anderen Verpflichtungen ab. Beruflich kümmert er sich um eine geistig behinderte Person. Ansonsten geht viel Zeit für seine politischen Aktivitäten drauf. Er ist aktiv bei der Linksjugend und bei der Sozialistischen Alternative. Gerade sei da die Arbeit gegen den erstarkenden Rassismus das große Thema. Durch Armut träfen rechte Parolen auf fruchtbaren Boden. »Unser Ziel ist bezahlbarer Wohnraum für Jeden«.

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Dann richtet Chris sich an Emmanuel. Jeder der mitkommt, erhält eine kurze Erklärung. Erstmal: »Nichts ist erlaubt«. Das Mitnehmen ist ­Diebstahl. Beträgt der Warenwert des ­Mitgenommenen mehr als 50 Euro sogar schwerer Diebstahl. ­Genau das ist gerade der Fall bei den zwei Angeklagten aus Aachen. »Extrem lächerlich«, nennt Chris das Verfahren.

Die Bio-Supermärkte schließen alles ein, ­erzählt er Emmanuel. Ebenso Edeka und Lidl. Lindt ginge auch nicht, danach sei er schon oft gefragt worden. Noch ein paar Hinweise: Es könnten Glasscherben zwischen dem Müll zu finden sein. Lieber mehr Zeit nehmen und dafür ­gesund zurückkommen. Wenn eine große Menge noch haltbarer Produkte ohne ersichtlichen Grund weggeworfen sei, könnte es sich um einen Rückruf handeln. Den Fall hatte er auch schon.
Er nehme immer Handschuhe, Taschenlampen und einen Multischlüssel mit, um geschlossene Tonnen aufzumachen. Einen Bolzenschneider würde er aber nicht nutzen. »Ich mache nur easy-peasy Sachen, wie mit dem Multischlüssel. Obwohl ich es scheißedreist finde. Weil ich doch weiß, was man in den abgeschlossenen Containern finden würde.«

Verurteilt wurde noch nie jemand. Chris selbst wurde nur dreimal von der Security erwischt. Konsequenzen gab es keine. Auch die Mitarbeiter selbst seien meist so abgefuckt, dass sie die noch guten Lebensmittel wegwerfen müssten und nicht mit nach Hause nehmen dürften, dass sie nichts sagen. Solange man den Platz sauber hinterließe.

Nun geht’s zum Auto. Inzwischen ist es 23.30 Uhr. Nur für die Tour heute habe er sich ein Auto geliehen, erzählt Chris. Sonst sei er oft mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. Die Mitbewohnerin gibt noch Wünsche mit auf den Weg. Hundefutter und was mit Nougat. Durch die dunklen Straßen Aachens geht es zu einer Filiale einer ­großen Supermarktkette. Einfach mit dem Auto direkt bis vor die Tonnen am Ende des Park­platzes. Menschenleer und fast nicht einsehbar. Chris steigt aus, zieht Handschuhe an und öffnet die erste Tonne.

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Es riecht nach Müll. Die zahlreichen Tonnen sind bis oben hin mit Tüten gefüllt. Getrennt wird auch nicht. Die ersten Säcke sind eine Enttäuschung für Chris und Emmanuel, nichts Brauchbares ­dabei. Nur richtiger Müll. Doch weiter unten, Chris steht inzwischen komplett in der Mülltonne, finden sich die ersten brauchbaren Säcke. Ein ganzer Sack mit Margarine, teilweise vegan. 13 mal Rama, 16 mal Becel. Kurz nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Emmanuel, inzwischen auch in die Tonne abgetaucht, findet einen prallen Sack mit Sushi. Frisch hergestellt und kurz hinter dem Ablaufdatum. Chris: »Fisch und Fleisch lässt man aber besser liegen.«

Veganer Fleischersatz, Rhabarber, Joghurt, Chicorée, Blumenkohl, Rote Beete, Paprika, Sushi. Drei große Taschen lassen sich mit dem Gefundenen füllen. Eine halbe Stunde später sitzen Chris und Emmanuel wieder im ­Auto und entscheiden sich gegen den Besuch eines weiteren Supermarkt. Der erste hat genug geboten. Auf der Heimfahrt ein kurzer Umweg, Chris zeigt noch den Fairteiler in der Richard­straße. Hier will er morgen einen Teil des Gefundenen – vor allem die viele Margarine – abgeben. Damit sich andere bedienen können.

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Zurück in Chris WG geht’s ans Säubern. Es ist 0.40 Uhr. Das Säubern dauere immer länger als das Containern selbst. Alles, auch Eingeschweißtes, wird sofort aus der Verpackung genommen und gesäubert. Oder in den »richtigen Müll« geworfen, wenn es doch nicht mehr genießbar sei. Chris erzählt, dass er es mal ausgereizt habe und einen Monat lang nur für fünf Euro eingekauft hat. Den Rest habe er in Containern besorgt. Das sei aber schon extrem. Wie viel er monatlich ­spare, könne er nicht sagen. Obst und Gemüse kaufe er aber gar nicht mehr ein.

Ihm geht es viel mehr darum, auf die Umstände aufmerksam zu machen. Zu zeigen, was möglich ist. Zwar sei das Containern illegal, in diesem Fall wäre es aber legitim, die Regeln zu brechen. Nicht blind zu folgen und sich einen Kopf über die Geschehnisse zu machen. »Wenn aus profitorientierten Privatunternehmen gesell­schaftliches Gemeineigentum werden würde, dann würde die Bevölkerung ein neues Bewusstsein entwickeln.« Für Chris steht fest, dass keine Besserung zu erwarten ist, solange die ­Gesellschaft bis abends gefüllte Regale fordert.

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Auf die Weltveränderung würde er nicht hoffen. Solange eine Verteilungsstelle für Lebensmittel in einem Bereich nicht reiche, würde das Konkurrenzdenken und damit die Verschwendung in den Industriestaaten weitergehen, die 30 bis 40 Prozent überproduzieren. Ob er nicht befürchte, es bleibe nichts mehr für ihn, wenn er seine Lieblingssupermärkte für das Containern mit anderen teilt? »Es gibt mehr als genug für ­alle.« Außerdem werde Containern niemals eine Massenbewegung. Dafür sei es vielen zu schmuddelig. Und nicht mit den Arbeitszeiten vieler kompatibel. Chris und Emmanuel werden jetzt noch anderthalb Stunden das Gefundene säubern. Es ist 1.15 Uhr. \

» facebook.com/AachenContainert

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